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Marie-Luise Marjan – die Lindenstraße bleibt unvergessen!

Die Lindenstraße hat die Menschen in Deutschland geprägt. Über Generationen hinweg. Und weil ihr Erfinder und Regisseur Hans W. Geißendörfer genau das wollte, den Menschen etwas mitgeben, hat Deutschland auch diese Serie geprägt. Kein politischer Diskurs oder Aufreger, der nicht eines Tages im Serien-München, dessen Kulissen in Köln stehen, aufgegriffen wurde. Die Lindenstraße hat in den vergangenen 34 Jahren Buch geführt über Deutschland. Nun wird sie abgesetzt. Am 29. März zeigt die ARD Folge 1.758, die letzte. 

Als Helga Beimer ist Marie-Luise Marjan das Gesicht der Lindenstraße. Im Interview erzählt die 79-Jährige über das Frauenbild in Deutschland, verbrannte Weihnachtsplätzchen (schwarze Raben) und die Lust sich sozial einzubringen.

jott-stories: Was ist das für ein Gefühl, wenn bei der Lindenstraße nach fast 35 Jahren die letzte Klappe fällt?

Marie-Luise Marjan: “Ich habe zwanzig Jahre als Theaterschauspielerin gearbeitet. Ich bin es gewöhnt wenn man nach einem Jahr sagt, der Vertrag ist beendet oder verlängert sich. Das ist der normale Zustand. Das wir die Möglichkeit hatten, fast 35 Jahre in einem Team an einer Sache so lange zu arbeiten, das ist für Deutschland purer Luxus. Da kann man nur dankbar sein und nicht jammern. Da gehe ich persönlich professionell mit um.”

jott-stories: Würden Sie die Entscheidung für ein Engagement über so einen langen Zeitraum noch einmal genau so treffen?

Marie-Luise Marjan: “Ich war bereits 45 Jahre alt, als die Lindenstraße begann. Zuvor habe ich 20 Jahre Theater gespielt und ca. 120 Fernsehauftritte gehabt. Unter anderem in zwei „Tatorten“, der Serie „Tour de Ruhr,“ in der „Johannes Serie“ und beim ZDF in der Serie „Kein Rezept für die Liebe“ mit insgesamt 12 Folgen. Wenn man dann in eine Situation gerät sich zu fragen, ob man so ein Angebot annehmen soll dann reizt das natürlich. Auch wenn mir das Theater sehr am Herzen liegt. Dass es so lange erfolgreich sein würde, damit hat ja niemand gerechnet. Es war eigentlich nur für ein Jahr konzipiert. Am Anfang hagelte es auch Kritik. Man war bisher Hochglanz-Serien wie „Denver“ oder „Dallas“ gewöhnt. Jetzt kamen wir mit dem normalen Alltag daher. Das Publikum hat es sofort geliebt. Auf Anhieb sahen uns 13 Millionen Zuschauer. Wir wollten sehr realistisch sein. Auch andere Produktionen haben von uns gelernt. Von der Absperrhilfe bis zum Regisseur – Geißendörfer hat durch die Lindenstraße so auch viele weitere Arbeitsplätze ermöglicht.”

 

 

jott-stories: Über all die Jahrzehnte war die Lindenstraße immer ein Spiegel der Gesellschaft. Gab es für Sie persönlich eine Zeit, die Sie besonders beeinflusst hat?

Marie-Luise Marjan: “Es gab bestimmt besondere Zeiten für die Lindenstraße, deren Geschichten Mutter Beimer aber nicht berührten. Mein Sohn Klaus sollte einen Nazi Eid ablegen. Ich war empört, dass Mutter Beimer keinen Einfluss auf die Geschichte hatte und nicht eingebunden war. Das war alles so “heimlich und hinten herum”. Aber es war realistisch, wie im echten Leben. Die Jungs haben das zuhause ja nicht erzählt. Insofern hatte die Lindenstraße recht. Ein anderes Beispiel. Nach ihrer Scheidung wollte Hans W. Geißendörfer Helga Beimer an Brustkrebs erkranken lassen. Ich sagte, Hans, das kannst Du nicht machen. Eine Frau mit über 50 Jahren, die geschieden ist jetzt auch noch mit Brustkrebs bestrafen? Bei den Autogrammstunden habe ich aber zwei „Typen von Frau“ erkannt. Die einen waren eher sportlich elegant und die sagten „was wollen Sie denn mit dem dünnen Hering? Sie sind doch flott. Sie kriegen doch sicher  noch was Besseres.“ Die anderen waren eher rund und mütterlich. Die jammerten nur, dass der “Hansemann” wieder mit Helga zusammen kommen sollte. Es gab also die, die jammerten und die, die gestalten wollten. Wir hatten eine zeitkritische Diskussion über das Frauenbild in Deutschland.”

jott-stories: Wären Sie gerne einmal aus ihrer Rolle ausgebrochen?

Marie-Luise Marjan:Am Anfang war Mutter Beimer sehr mütterlich. Ich kann mich erinnern, dass Regisseur Claus Peter Witt sagte: „Marie-Luise, zeig doch mal Bein. Zieh einen kurzen Rock an wenn Du über die Straße zum Reisebüro gehst.” Er wollte ein selbstständigeres Frauenbild zeigen, nicht nur die Mutter am Herd. Er wollte Helga auch als Unternehmerin zeigen. Als wir  anfingen hat uns Hans W. Geißendörfer gebeten ein Arbeitspapier zu erstellen, wie wir uns die Figuren vorstellen würden. Da habe ich einen 13 Seiten langen Vorschlag geschrieben. Wenn mein Ehemann Sozialarbeiter ist dann bin ich wie die 68er-Generation, ein bisschen flippiger und vielleicht mit bunten Kleidern. Nie habe ich mir vorgestellt, das Helga Beimer so bieder und bürgerlich sein sollte. Das war genau das Bild, das die Gesellschaft damals von einer verheirateten Frau und Mutter von drei Kindern sehen wollte. Und dann kam der Knall. Mein Filmpartner Joachim H. Luger sagte irgendwann, ihm sei langweilig und ob er mal fremdgehen könnte. Hans W. Geißendörfer sagte: „Das kannst Du machen. Dann musst Du auch die Konsequenzen tragen. Und so begann die Geschichte mit Anna.

 

 

jott-stories: Muss man sich ganz genau an das Drehbuch halten? Durften Sie auch spontan sein?

Marie-Luise Marjan: “Die Dramaturgen haben ganz großen Wert drauf gelegt, das wir uns genau an das Drehbuch halten. Es gab einige Sachen, die nicht zu der Art der Person passten. Da haben wir uns eingebracht, aber wir mussten darum kämpfen. Nur mit der eigenen Person kann man überzeugend sein kann. Wenn Sie einen Text sagen den sie nicht „verdauthaben, dann sind wir nicht überzeugend. ”

jott-stories: Spiegeleier und Weihnachtsplätzchen spielten in der Lindenstraße für Mutter Beimer eine große Rolle. Für Sie privat auch?

Marie-Luise Marjan: “Spiegeleier lasse ich mir gerne im Hotel servieren. Zuhause gibt es Spiegeleier höchstens nur mit Spinat. Weihnachtsplätzchen schicken mir Freunde aus Nürnberg oder aus Aachen, diese leckeren Printen. Heute muss ich selber keine Weihnachtsplätzchen mehr backen.”

jott-stories: Sie sind sehr engagiert mit Ihrer „Marie-Luise Marjan Stiftung.

Marie-Luise Marjan: “Anfang der 90er-Jahre, als die Lindenstraße schon sehr bekannt und gerade Mutter Beimer sehr beliebt war, kamen viele Hilfsorganisationen auf mich zu und baten um meine Hilfe. Ich habe mich dann für UNICEF entschieden und für “Plan International”. Da bin ich heute noch tätig. Ich habe mich persönlich das erste Mal vor Ort in Indien über die Arbeit von „Plan International“ informiert und war beeindruckt. Es geht darum, dass Menschen nichts geschenkt bekommen. Die Hilfe zur Selbsthilfe ist wichtig. Dadurch entsteht erst die richtige Bindung. Ich bekomme regelmäßig Berichte von meinen Patenkindern und weiß um ihre Familiensituation.

jott-stories: Wie leben sie mit dieser Diskrepanz zwischen arm und reich, wenn Sie zurück nach Deutschland kommen?

Marie-Luise Marjan:Ich kenne das arme Deutschland ja noch aus den Kriegsjahren. Ich bin 1940 mitten im Krieg geboren. Ich habe mit meiner Mutter Ähren und Bucheckern gesammelt, die Kerne gemahlen und aus dem Mehl Brot gebacken. Es gab keine Schuhe und wir liefen den ganzen Sommer barfuß herum. Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter mir einen Sommer Holzpantinen besorgt hat. Einem Nachbarsmädchen habe ich diese stolz gezeigt. Irgendwie kann es zum Streit. Aus Wut hat sie eine der Pantinen in die Ruhr geschmissen. Wir haben sie dann noch verzweifelt gesucht. Das war eine Katastrophe! Als ich nach Haus kam gab es erst einmal Ohrfeigen!”

jott-stories: Das Ende der Lindenstraße – bedeutet das auch keine Möglichkeit mehr Botschaften zu verbreiten?

Marie-Luise Marjan:Als Komitee-Mitglied für UNICEF habe ich mein Umfeld und bekomme Aufgaben, ganz unabhängig von der Lindenstraße. Wir haben Fernsehgeschichte geschrieben und Helga Beimer ist tief im Bewusstsein der Deutschen.”

jott-stories: Warum wird Mutter Beimer auch nach dem Ende der Lindenstraße im Gedächtnis bleiben?

Marie-Luise Marjan: “Wir haben 1.758 Folgen und fast 35 Jahre lang gedreht und gearbeitet. Viele Zuschauer haben sich mit Mutter Beimer identifiziert. Die Menschen brauchen etwas woran sie sich festhalten können. Auch in Zukunft.”  

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