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Gabrielle Pietermann – Wie hast Du Deine Drachen gezähmt?

Sie ist das Gesicht dahinter. Genauer gesagt, ihre Stimme. Statt vor der Kamera arbeitet Gabrielle Pietermann im Tonstudio hinter den Kulissen. Als Synchronsprecherin hat die 32-Jährige bereits den Sprecher-Olymp erreicht. Sie hat unter anderem Hermine Granger und Daenerys Targayen synchronisiert, die beiden Heldinnen aus den Superserien “Harry Potter” und “Game of Thrones”. 

Das Ende von “Game of Thrones” war auch für Gabrielle Pietermann lange ein Geheimnis. Obwohl sie der Hauptdarstellerin Emilia Clark ihre deutsche Stimme lieh, galt auch im Tonstudio das Motto “top secret”. Einzelne Szenen wurden zum Teil verpixelt und nur die eigenen Dialoge waren ihr bekannt. Die Macher von “Game of Thrones” taten alles, um die Spannung bis zum Schluss aufrecht zu erhalten.

Dracarys!

Am Ende der achten Staffel gab Gabrielle ihrem Drachen den Befehl “Dracarys” –  das Drachenfeuer zu speien, um die Hauptstadt Königsmund in Schutt und Asche zu legen. Was bei vielen Fans für Unmut sorgte, war für Gabrielle ein Teil ihrer beruflichen Selbstverwirklichung. Die Aussprache von “valyrisch” hat sie selber erfunden, im Skript hatte es dazu keine klaren Vorgaben gegeben. “Dracarys” wurde so zu einem Kultwort der Serie. Ihre Stimme ein Werkzeug, um Drogon und seine zwei Drachengeschwister im Zaum zu halten. Drachen zähmen leicht gemacht – zumindest für die Mutter der Drachen.

Gabrielle Pietermann würde auch vor der Kamera und auf der Bühne eine gutes Bild abgeben. Die Münchenerin mit den langen schwarzen Haaren steht aber nur ungern im Mittelpunkt. Lieber lässt sie ihrer Stimme den Vortritt. Und diese pflegt Gabrielle mit viel Bedacht. Und Ingwer. In vielen Variationen, hauptsächlich als Tee, den sie meistens mit dabei hat. Auch im Rucksack bei ihren Wanderungen durch die Berge. Auszeiten nehmen vom Job. “Im Gegensatz zu vielen anderen Berufen schüttelt man die Arbeit nach Dienstschluss nicht einfach ab. Bei großen Regie-Projekten mache ich mir auch privat viele Gedanken. Da rattert es bei mir Tag und Nacht und ich gehe die Texte und Rollen immer wieder durch.” 

Starke Frauen als Herausforderung

Gabrielle Pietermann mag starke Frauen. Und gibt deren Rollen mit viel Leidenschaft Gewicht. Vor allem Frauen, die jenseits des vokalen Mainstreams eher schräg daherkommen sind Charaktere, die sie liebt. Anstatt der braven Hermine Granger die impulsive Bellatrix zu spielen, auch das wäre “ihr Ding” gewesen.  

Wie hat das alles angefangen?

“Ich habe mit acht Jahren am Theater den Kleinen Prinzen in einer kreativ Lesung gespielt und Unterricht in Bühnensprache bekommen. Eine Synchronregisseurin hat mich im Kinderensemble einfach mal ausprobiert und das hat gut geklappt,” blickt Pietermann zurück.

 

Generation Kassettenrekorder. Kinderzeiten, in denen sie sich selber von den drei Fragezeichen und anderen Hörspielen in ferne Fantasiewelten entführen lies. Analog statt digital. Social media und Co. sind für sie kein Thema. Kein Promi-Posting auf Instagram oder Studiobilder auf Facebook. Gabrielle konzentriert sich auf das gesprochene Wort. Bücher begeistern sie ebenfalls. Entweder zum Einlesen auf eine Rolle, oder zum “Runterkommen” vom Alltag. Genau wie beim Yoga, wenn dann auch ihre Stimme einmal zur Ruhe kommen darf

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass sie nicht oberflächlich wirkt. Sie liest gerne zwischen den Zeilen und nimmt sich alle Zeit der Welt, um ihren Job professionell und nach ihren Ansprüchen zu erledigen. Detail versessen schafft sie so den Spagat zwischen Pflicht und Kür. Sie bringt eigene Ideen mit ein, ohne die Integrität zur Figur in Frage zu stellen.

 

Lesung mit Gabrielle Pietermann

Heute erlebt Gabrielle Pietermann ein Comeback der Möglichkeiten. Spotify und Itunes haben den Podcast neu erfunden und auch Hörbücher sind gefragt, wie lange nicht zuvor. In vielen Mediatheken findet sich ihre Stimme wieder. Hunderte Rollen hat sie gespielt, an alle kann sie sich nicht erinnern. An ihren Auftritt als Pokémon Zoey oder Serena dagegen schon. “Das haben in München damals fast alle gemacht”, sagt sie lachend. 

 

Von Hochzeitsgrüßen und Voicemails

Gäbe es den Oscar für die beste Filmstimme wäre Gabrielle Pietermann mit Sicherheit bei den Preisträgern dabei. Den Glanz Hollywoods hat sie bei ihrer kurzen Begegnung mit Schauspielerin Emilia Clark persönlich erlebt. “Sie konnte mich aber nicht wirklich einordnen,” erinnert sich Pietermann an das Treffen mit dem Star von “Game of Thrones”.

Im Alltag wird sie nicht oft erkannt. “Zum Glück ist meine Stimme nicht so markant. Die Stimme klingt im Film auch anders, als im wirklichen Leben. Aber dass ich eine angenehme Stimme habe, das höre ich öfter.”

Einen wesentlichen Unterschied zu den Schauspielern vor der Kamera gibt es auch. Statt um Autogramme wird sie von ihren Fans häufig um Sprachnachrichten gebeten. Hochzeitsgrüße oder Geburtstagswünsche sind besonders gefragt. Wann hat man auch sonst schon einmal die Gelegenheit die Mutter der Drachen oder den Zauber von Harry Potter als Voicemail auf seinem eigenen Smartphone zu haben? Oder auf der Mailbox.

Zum Abschied schließe ich die Augen und lasse mich von Gabrielle Pietermann kurz aus der Realität entführen. Mit ihrem “Expelliarmus” Zauberspruch fühle ich mich Harry Potter und Hogwarts ganz nah. Ihr lautes Lachen holt mich aus Zauberwelt zurück.

Entwaffnend sympathische Gabrielle Pietermann.