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Fußball-Weltmeister Pierre Littbarski: Vom Kugelfisch und Kimono

Wäre Pierre Littbarski eine Marke, dann wäre er wie Nike oder Adidas. Weltbekannt und unverwechselbar. Da “Litti” sich selber aber nicht allzu wichtig nimmt, setzt er lieber andere in Szene. Als Markenbotschafter für den VfL Wolfsburg ist er internationaler Sympathieträger des Vereins.

Flashback. 19. Juni 1990. Ich sitze im Zug nach Mailand. Die Sonne brennt. Das Abteil ist überfüllt mit Fußball-Fans. In knapp vier Stunden werde ich mir das WM Spiel Deutschland gegen Kolumbien anschauen. Das Giuseppe Meazza Stadion ist seit Wochen ausverkauft. 72.000 Zuschauer und ich werden bis zur 89. Minute warten müssen, um den ersten Treffer der deutschen Mannschaft bejubeln zu können. Torschütze: Pierre Littbarski. Endstand 1:1 Unentschieden. 19 Tage später ist Deutschland Weltmeister. An all das muss ich zurück denken, wenn ich Pierre Littbarski heute treffe.

Der Mann, der mir 29 Jahre später gegenübersitzt hat mit dem “Litti” von damals wenig gemeinsam. Paris, Sydney, Teheran, Yokohama und viele weitere Stationen mehr, der 59-Jährige hat mittlerweile die ganze Welt gesehen. Und viel erlebt. Als Spieler, Trainer, Co-Trainer und Dolmetscher, oder einfach nur als Mensch.

Das es dazu überhaupt kommt, ist nicht selbstverständlich. Als Jugendlicher macht Littbarski zunächst eine Ausbildung beim Finanzamt. Genau wie sein Vater, der nebenbei ein erfolgreicher Berliner Jazz-Musiker ist. Zwei Herzen schlagen in ihrer Brust. Eine DNA aus Bürgertum und Lebenskünstler. Ein überraschender Anruf und ein Vertragsangebot des 1. FC Köln reißen “Litti” aus seinem behüteten Leben in Schöneberg. Er beendet die Ausbildung vorzeitig und wird Fußball Profi. Später sogar Nationalspieler. An seine Berliner Zeit und die Generation Bolzplatz erinnert er sich auch heute gerne zurück.  

Auch an die 89. Minute von Mailand. “Andy Köpke kam extra von der Ersatzbank gelaufen, um mir zum Treffer zu gratulieren. Er mochte den kolumbianischen Torwart René Higuita nicht. Der war ihm viel zu extrovertiert.”

Pierre Littbarski ist so etwas egal. Er mag es nicht, andere Menschen in eine Schublade zu stecken, oder sie zu bewerten. Aus Respekt vor seinem Gegenüber verbietet sich so etwas.

Das ist auch der Grund, warum er Japan so liebt. Die Kultur, das Land und die Leute. Klare Hierarchien und respektvoller Umgang miteinander. Japan wird zu seiner zweiten Heimat, in die er später auch für immer zurückkehren will. Zurück nach Yokohama. In sein kleines Haus, nur einen Steinwurf vom Strand entfernt. In Japan hat er auch seine zweite Frau kennen- und lieben gelernt, als er Profi in  der Millionenstadt war.

“Die Menschen in Japan sind einfach angenehm. Gut organisiert. Auch ihr Privatleben pflegen sie gut durchdacht und konsequent. Das gefällt mir.”

In Yokohama genießt “Litti” auch die Besuche in seinem Lieblingsrestaurant, dem “Sicilia”. Italienische Küche mit asiatischen Einflüssen zubereitet. Überhaupt ist die Ernährung für den vierfachen Vater ein wichtiges Thema. Statt Currywurst und Pommes Frites legt der gebürtige Berliner viel Wert auf gesunde und authentische Küche. Vor allem, wenn er in Japan ist. Sushi in Deutschland ist für ihn ein absolutes No-Go. Frischen und rohen Fisch mit seiner speziellen Lieblingssauce gibt es für ihn nur im “Land der aufgehenden Sonne.” 

“Kugelfisch ist eine echte Geschmacksexplosion. Du denkst, Du bist im Himmel. Unbeschreiblich für die Sinne. Ich selber darf und kann ihn aber nicht zubereiten.”  

 

 

Das Leben von Pierre Littbarski liest sich wie ein gutes Buch. “Litti. Meine Geschichte”, heißt die Autobiografie, die er 1994 veröffentlicht. Ein Buch, das er heute anders schreiben würde. Alles hat seine Zeit. Das kann der Familienmensch gut einschätzen. Mit klaren Prinzipien hat er seine Arbeit und sein Privatleben geordnet. Akribisch arbeitet er ebenso an der Fußball-Karriere seines 15-jährigen Sohnes, der beim VfL Wolfsburg in der Jugend spielt. Bringt ihn zum Training und analysiert seine Spiele. Auch sein Tagesablauf im Büro hat einen klaren Plan. “Litti” bereitet sich gut vor auf seine Termine. Zu spät kommen hasst er. Unprofessionalität im Job auch. Dazu ist ihm seine Zeit zu kostbar. 

In “Littis” Kosmos ist wenig Platz für Fremdes. Für Eitelkeiten, oder für falsche Freunde. Konsequent widmet er sich seinem Privatleben und seiner Familie. Einladungen zum geselligen Bier oder Besuch bei Bekannten moderiert er freundlich ab. Pierre Littbarski ist unaufdringlich und sensibel. Das erwartet er auch von seinen Mitmenschen. Das Gespür dafür, wenn alles gesagt und es nun genug ist. Der Mensch Littbarski braucht seine Freiräume. Für sich und die wirklich wichtigen Dinge.

 

 

Entspannung beim Sport mit seinem Sohn, oder bei den vielen ehrenamtlichen Auftritten, die er gerne macht. So wie in Fukushima, kurze Zeit nach der Katastrophe im Jahr 2011. Am Rande der verseuchten Zone gibt “Litti” japanischen Kindern Fußballtraining. Die Menschen sind dankbar für so viel Zuwendung. 

Aus dem ehemaligen Dribbel-König der Nation ist ein Mann geworden, der sein inneres Gleichgewicht längst gefunden hat. Sich nicht verbiegen lässt und trotzdem ein klares Ziel vor Augen hat. Die Marke Pierre Littbarski eben, wenn er eine wäre. Viele Herzen schlagen in seiner Brust. Auf jeden Fall Weitermachen mit Spaß und Freude am Lernen. Auch im Job. Aus Respekt vor seinem Arbeitgeber. Und aus Dankbarkeit. Littbarski weiß, wie das Leben spielen kann. Das es nicht immer gut laufen muss. So wie bei Mit-Weltmeister Thomas Häßler zum Beispiel. Für dessen Auftritt im Dschungelcamp hat er ihn aber gelobt. Nicht verurteilt, in keine Verlierer-Schublade gesteckt. ” Er hat das gut gemacht. Für mich wäre das aber nichts,” meint Littbarski. 

Trotz aller Liebe zu seiner neuen Heimat – “Litti” fühlt sich auch in Deutschland immer noch zu Hause. Alle Traditionen aus Fernost hat er noch nicht übernommen. Sein Kimono hängt im Schrank in Yokohama. Ihn hat er nur zur Hochzeit getragen. Seine alte Heimat Köln und vor allem den Karneval vermisst er immer noch sehr. Ein Karnevalskostüm hat er immer gerne getragen.

Sayonara, Litti-San!