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“Die Freiheit, frei zu sein.“ Die Corona-Revolution und der Geist von Hannah Arendt  

Vor über 50 Jahren schrieb die Hannoveranerin Hannah Arendt über Freiheit, Befreiung und Revolution. Arendt leitet ihren Freiheitsbegriff aus ihren Überlegungen zur Revolutionsidee ab und unterscheidet zwischen Freiheit und Befreiung. In der Befreiung aus der Unterdrückung erkennt sie die wesentliche Voraussetzung, um wirklich frei sein zu können. Frei ist erst, wer als Gleicher unter Gleichen am öffentlichen politischen Leben teilnehmen kann. Viele Revolutionen sind gescheitert sind. Doch immer bleibt die Sehnsucht nach Freiheit und die Überzeugung, dass erst ein Leben ohne Not und Furcht ein wirkliches freies Leben ist. Die Corona-Krise deckt viel mehr auf, als nur Versäumnisse auf der gesundheitspolitischen Ebene. Ist sie der Impuls zu einer neuen Revolution?

Fucking Corona. Heute finde ich mich auf der Seite der Unterdrückten wieder. Nun gehöre ich zu denen, die befreit werden wollen. Aber von wem oder was eigentlich? Von der Kontaktsperre zu meinen Freunden? Vom Zwang im Home Office arbeiten zu müssen? Von der Phobie, Toilettenpapier und Nudeln horten zu müssen? Das ist erträglich und zumutbar. Ich möchte befreit werden von der Illusion, dass Gesellschaft und Politik noch weiter aus einander fallen. Befreit von dem Gefühl, das Aktionismus und Eigeninteressen die Probleme verschieben, anstatt sie zu lösen. Befreit von meiner eigenen Sprachlosigkeit. Und von derer, die eigentlich jetzt zu uns sprechen sollten.

Im Gegensatz zur amerikanischen Revolution gibt es bei Covid-19 keine Loyalisten oder Patrioten, denen man sich anschließen könnte. Und keiner Guillotine ist es möglich, uns von der Viren-Monarchie zu befreien. Dieser Feind ist nicht greifbar. Er ist vielfältiger. Aber er betrifft uns alle. Und unsere Freiheiten. Und genau das ist der Grund, dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen sollten. Dafür aber braucht es eine Politik, die weiß was sie tut. Keine Bundesländer, die um Abiturregelungen streiten, oder Minister die nur lokale Interessen vertreten.

Ich fordere Gerechtigkeit und Transparenz! Was nützen zinslose Kredite an diejenigen, die schon in einigen Monaten zahlungsunfähig und ohne Job dastehen? Warum werden Lehrer nicht gezwungen, sich endlich die jahrelang geforderte IT-Kompetenz und vor allem den Willen anzueignen, Schüler auch online zu unterrichten? Wieso hat es keine Konsequenzen, dass unser Gesundheitswesen über Jahre kaputtgespart wurde? Warum sind uns die Verlierer der Krise bekannt, die Profiteure aber bleiben unentdeckt?   

Ich fühle mich unterdrückt und eingeschränkt. Und vor allem entsetzt. Vom hässlichen Gesicht bislang konsumverwöhnter Mitbürger. Diejenigen, die jetzt zuhause auf dem Sofa sitzen und versuchen Missstände aufzudecken und andere zu denunzieren. Die im Auftrag der Gesundheit jetzt zentimetergenau den Abstand messen. Auch zum Nachbarsauto auf dem Parkplatz. Kratzer vermeiden und gerüstet für die Zeit danach. Die schon immer gewusst haben, im Recht zu sein. Und die sich dann um 19.00 Uhr solidarisch auf den Balkon stellen und mit ihrer Blockflöte „Ode an die Freude“ pfeifen. Ich will das nicht hören.

Ich will befreit werden von der Angst, dass meine Kinder in Zukunft keinen Ausbildungsplatz bekommen. Dass sie in Niedriglohn den Gewinnern der Krise dienen müssen. Als Paketbote für Amazon oder Lagerarbeiter bei DHL. Das sie zum Spielball werden von wirtschaftspolitischen Interessen. 

Befreit mich bitte auch von den ganzen Verschwörungstheoretikern und Zukunftsforschern. Ich habe den Glauben verloren an das Horx`sche Szenario, dass wir schon im kommenden Herbst wieder in harmonischer Eintracht in Cafes zusammen sitzen werden und über die dann längst vergangene Krise sinnieren. 

Revolutionen hallen selten nach. Vielleicht ist aber ja auch gar keine Revolution nötig. Dazu ist die Lage auch zu komplex. Freiheit ist für Arendt nicht Freiheit von Politik, sondern im Gegenteil Freiheit durch Politik. 

Der “Wille zur Freiheit als einem positiven Lebensmodus“. Ich will Mut für die Zukunft. Heute bin ich Hannah Arendt.

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