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Brain up your life: Warum Dich Tutorials glücklich machen!

Mach Dich und Dein Leben komplett. Leg Dein Buch aus der Hand und hör auf, Dich mit Deinen besten Freunden zu treffen. Geh auf YouTube und lerne die wirklich wichtigen Dinge im Leben kennen.

Seit einiger Zeit bin ich Youtuber. Aus voller Überzeugung, aber vor allem aus der Not heraus. Denn seit kurzem explodieren meine Interessen. Vor allem, wenn man mit jungen Leuten mitreden will, muss man ihre Gewohnheiten kennen und studieren. Ihre Leidenschaften teilen. Tutorials zum Thema Kiten, Tattos, Ernährung oder Fitness sind meine neuen Mantras. YouTube ist mein zweites Zuhause. Schnelle Informationen in einer noch schnelllebigeren Welt. Im Hier und jetzt Trendsetter sein. Das solltest Du Dir merken. Man muss wissen, was abgeht im Leben. Komm raus aus Deiner Komfortzone. Und wenn es nur am Bildschirm auf dem Sofa ist. 

Startschuss in die Welt der Liker und follower war die Kritik meiner Frau an meinen zu dünnen Beinen. „Muskelschwund im Alter“ – google spuckte mir die traurige Antwort bereits nach der ersten Eingabe auf das Display. Auf meiner Suche im Internet über Kohenhydrate, Proteine und Sport für Ü-50 stieß ich anschließend auf ungeahnte Welten.

Anstatt mein Wissen über Liegestütze und Tempoläufe zu vertiefen lernte ich ein Konglomerat von Fitnessfreaks und Foodfantasten kennen, das mich tief in seinen Bann zog. Ich weiß nun, warum Schlingentraining gut für die paraspinale Rückenmuskulatur ist und kenne alle aktuellen Termine der lokalen freelatics Community. 

Täglich klicke ich mich durch ihre Kanäle. Kite buddy in Bremerhaven ist mein neuer virtueller Freund geworden. Gym-Max aus der Nähe von Franfurt mein Guru in Sachen Core Training. Kein Thema ist zu klein, keine Sache zu unwichtig, um sie sich als Tutorial anzuschauen.

Statt Trimmtrab im Stadtpark heißt es heute nämlich bootcamp im urban dschungle. Daumen hoch für die neue Bewegtbild-Bewegung. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das früher alles gemacht habe. Beipackzettel und Gebrauchsanweisungen in Schriftgrößte Punkt 5, kaum lesbar auf Pergamentpapier. 

Mittlerweile brauche ich für alles ein Tutorial. Es begeistert mich, wenn Hausfrauen mir auf Ihrem YouTube Channel Tipps für ein gutes Gesichtspeeling geben. Ich mag es, wenn mir picklige Teenager die fünf besten Apps für meine neue Apple Watch vorstellen. Auch einfache Dinge, wie Bananen schälen und Fahrradreifen aufpumpen sehen virtuell erklärt gleich viel intensiver aus.

Mein Qualitätsanspruch ist nicht besonders hoch. Auch extremst vewackelte Seqenzen und schlecht vertonte Moderationen verzeihe ich gerne. Hauptsache, man erweitert seinen Geist. Abends im Bett auf dem Ipad, auf dem Klo, oder zwischendurch auf dem Smartphone vor einer roten Ampel. Youtube eröffnet Dir eine ganz neue Dimension. Bleib unbedingt am Ball und abonniere Dir die angesagtesten Typen. Smell the digital spirit.

Aber vorsicht, dass Du Dich im Kosmos von YouTube und Co. nicht völlig verlierst. Wie oft bin ich schon hängengeblieben zwischen der ersten Folge des Kommissar und einer der vielen DISCO Ausgaben aus den70ern. Ganz ohne Tutorial, nur einfach der guten alten Zeit wegen.

Praktische Tipps, um Dein Ü 50 Image aufzupolieren kannst Du übrigens auch bei YouTube bekommen. Von denen profitieren dann Deine Frau oder Dein zukünftiger Seitensprung gleichermaßen. Wenn der letzte Zungenkuss dem Alltag geschuldet in den späten 90ern archiviert ist, dann kannst Du auch hier Abhilfe bekommen: Das „Lehr“-Video „How to kiss“ dauert nur 5:24 Minuten – danach spitzt Du den Mund wieder wie ein Mitt-Dreißiger. Besonders in HD Qualität macht die Sache Spaß. Und auch für Deine in Zukunft geplanten Survival Trips findest Du in guten Tutorials viel Futter. Ein kräftiger Australier zeigt Dir, wie er mit bloßen Händen ein Känguru fängt und es anschießend fachmännisch zerlegt. Ganz alltagstauglich finde ich auch die Antwort auf die Frage: Wie komme ich an jedem Türsteher vorbei. Damit steht Dir das Nachtleben Deiner Heimatstadt in Zukunft jederzeit offen. Und Du musst nicht wie bislang nach dem Italiener Besuch um 22 Uhr direkt nach Hause.

Allerdings kann die Sache mit den Turorials auch teuer enden. Meine neue DJI Air Drohne hat es nämlich nicht überlebt. Die Steuermanöver, die ich mir in Folge 3, Staffel 2 auf Drohnen-Didis Kanal abgeschaut hatte, waren doch komplizierter als angenommen. Den Absturz über dem Steinhuder Meer konnte mein Freund Holger mit seiner neuen Gopro 6  zum Glück filmen. (Er hatte zuvor das passende Tutorial über action cams geschaut). 

So brachte mir das Drohnen Dilemma zumindest noch einige hundert likes auf meinem eigenem YouTube Kanal.  

Meine Beine sind übrigens noch genau so dünn wie früher.