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Bahn frei, Kartoffelbrei! Lang lebe die Rettungsgasse!

Rettungsgassen liegen voll im Trend. XXL-Transparente an Autobahnbrücken, Imagespots im Radio, oder Aufkleber an dreckigen Heckscheiben vor mir auf der Landstraße. Und alle machen sie mit. Mit Recht!

Auch ich kann mich vor Begeisterung kaum retten. Erwische mich dabei, dass ich bei jedem auch noch so kurzem Auto-stopp ein Stückchen näher an den Straßenrand rücke. Egal, ob auf der Autobahn, Hauptstraße, oder auf einem einsamen Waldweg. Selbst wenn weit und breit kein anderes Auto zu sehen ist und ich mutterseelenallein auf dem Asphalt stehe. Linke Seite, oder rechte Seite – Rettungsgassen bilden ist cool. Besonders gut: Keiner kann ausscheren. Die schwarzen Schafe der Straße werden per Lichthupe oder Handzeichen von der Rettungsgassen-Community wieder auf Spur gebracht.

Und während ein mögliches Tempolimit die deutschen Autofahrer entzweit, ist es die Rettungsgasse, die uns wie ein unsichtbares Band miteinander verbindet. Bei allen Diesel-und Elektromobilitätsgefasel hat die Rettungsgasse also auch einen unschätzbaren gesellschaftspolitischen Stellenwert. 

Mittlerweile kann ich mir deshalb auch im Alltag ein Leben ohne Rettungsgasse nicht mehr vorstellen. Im Supermarkt bei mir um die Ecke grüßen mich gutgelaunte Damen an der Kasse. Mein deutlich sichtbares „Rettungsgasse bilden“ Schild sorgt dort konsequent für Ordnung. Schon nach kurzer Zeit haben sich die Kunden daran gewöhnt und parken ihre Einkaufswagen nun Zentimeter dicht an den Regalen oder in den Gängen. Praktisch, wenn die Kassiererin zum Nachwiegen einmal in die Gemüseabteilung eilen muss, oder sich jemand an der Kasse vordrängeln möchte. So eine Dreistigkeit fällt jetzt natürlich sofort auf.

Zu Hause unterstützt mich meine Frau bedingungslos bei meiner neuen Mission. Regelmäßig gehen wir mit dem Schneeschieber in die Kinderzimmer meiner Söhne und räumen Berge von Klamotten, leeren Flaschen oder Chipstüten nach rechts und links an die Wand. Zwischen kniehohen Müllbergen haben wir nun endlich den Weg frei, um die Fenster zum Lüften wieder öffnen zu können.

Das mein ältester Sohn den Aufkleber „Rettungsgasse bilden – auch die Jugend macht mit“ von seiner Tür wieder abgekratzt hat, lässt mich kalt. Am Ende zählt nur das Ergebnis.

So arbeite ich weiter daran, dass meine Vision einer Gesellschaft, in der Rettungsgassen zum einem festen Erscheinungsbild überall in der Öffentlichkeit gehören bald Wirklichkeit wird. Straßennamen nach Rettungsgassen zu benennen, Schulen, oder Fußballstadien – es gibt so viele Möglichkeiten der Public Relations. Und auch die Allerjüngsten sollten wir mit dem Verkehrsvirus infizieren. In einigen Gegenden scheint das bereits gut zu funktionieren. Erst neulich schallte mir von einem Spielplatz ein fröhliches „Bahn frei, Kartoffelbrei“ von der Kinderrutsche entgegen.

Nur manchmal habe ich leichte Zweifel über die Sinnhaftigkeit der freien Bahnmitte. Macht die schnellere Ankunft der Rettungskräfte am Unfallort überhaupt Sinn? Was haben Verunglückte und Sanitäter denn davon, wenn sie dort 10 Minuten früher als gewöhnlich verprügelt werden? Wenn Gaffer die Türen des Krankenwagens aufreißen, um ein möglichst cooles Foto von abgetrennten Gliedmaßen oder blutspritzenden Arterien zu schießen. Wenn Polizei und Feuerwehr sich nach dem Motto “rette sich wer kann” erst selber in Sicherheit bringen müssen.

Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass ich immer öfter Krankenwagen oder Feuerwehrfahrzeuge sehe, die es sich mit blinkendem Blaulicht am Straßenrand gemütlich machen, anstatt zum Tatort zu flitzen. Aber das sehe ich positiv. Dann nehme ich halt die freie Fahrbahnmitte und gebe kräftig Gas. Sollen die anderen ruhig auf dem Seitenstreifen versauern.

Bahn frei – Kartoffelbrei.